Süddeutsche
Fachtagung in Augsburg
Atomkraftwerke
und die Folgen
Welchen Anteil
an der Krebsentstehung hat die radioaktive Strahlung und sind die
Ergebnisse der bundesweiten Kinderkrebsstudie plausibel? Dies diskutierten
im ersten Teil der süddeutschen Fachtagung „Atomkraftwerke und die
Folgen“ Umweltschützer und Ärzte.
Der Ulmer Facharzt
für Allgemeinmedizin Reinhold Thiel stellte die Ergebnisse der Kinderkrebsstudie
vor. Diese im Auftrag der Bundesregierung gemachte Untersuchung hat
die Hauptfragestellung: Verursachen radioaktive Emissionen aus den
deutschen Kernkraftwerken eine Zunahme von Krebserkrankungen bei Kleinkindern?
Da man praktisch nicht messen kann, mit wie viel Strahlung ein Mensch
in der Vergangenheit belastet wurde, einigten sich die Experten darauf,
die Entfernung zwischen den Wohnorten der Kleinkinder und den Kernkraftwerken
als Ersatzgröße für die Strahlenbelastung zu ermitteln. Ergebnis der
wissenschaftlichen Untersuchung: Je näher ein Kleinkind an einem Kernkraftwerk
wohnt, desto größer ist die Gefahr, dass es an Krebs, speziell an
Leukämie erkrankt. Die meisten Formen der Leukämie gelten aber gerade
als strahleninduziert. Die Kernkraftwerke und ihre Wissenschaftler
sagen jedoch, dass die radioaktiven Emissionen ihrer Atomanlagen weit
unter den Grenzwerten lägen und insofern nicht die Ursache der überhöhten
Zahl von Krebserkrankungen in der Nachbarschaft der Kernkraftwerke
sein könnten.
Hier setzte der
Vortrag des Münchner Mediziners und Professors für Strahlenbiologie
Edmund Lengfelder ein: Es ist schärfsten zu rügen, dass die Grenzwerte
nicht vorrangig dem Gesundheitsschutz dienen und dass sogar Wissenschaftler
zu Fälschungen bereit waren, um die Folgen der Kernkraftwerke zu verschleiern.
Neben Pestiziden und Benzol verursache auch die Strahlung viele Krebskrankheiten.
Als Strahlung schädigt uns sowohl die aus dem Weltall kommende Höhenstrahlung,
wie auch die aus der Erde kommende terrestrische Strahlung. Beide
verursachten zweifelsohne Tumore. Hinzu käme aber auch in beträchtlichem
Maße die aus technischen Anlagen rührende Strahlung. Zu viel Röntgen
sowie die radioaktiven Gase und Abwässer aus den Kernkraftwerken seien
in Deutschland für jährlich hunderte von Krebserkrankungen verantwortlich.
Heftig kritisierte Professor Lengfelder anhand von Zitaten der Internationalen
Strahlenschutzkommission (ICRP), dass bei der Festlegung von Grenzwerten
für die Atomanlagen sowohl die Gefahr von Krebserkrankungen vernachlässigt
wird als auch dem geschäftlichen Interesse der Anlagenbetreiber ein
skandalös hohes Gewicht zugebilligt würde. Die Hintergründe der Festlegung
der Grenzwerte für die Strahlenbelastung durch die Atomanlagen waren
den meisten Tagungsbesuchern neu und lösten heftige Reaktionen aus.
Der Berliner Physiker
Wolfgang Neumann stellte dar, dass die radioaktiven Emissionen von
den Betreibern der Kernkraftwerke selber gemessen werden. Der Staat
kontrolliere lediglich. Veröffentlicht würden nur zusammengefasste
Werte. Einblick in Einzelmessungen und Messprotokolle würden unter
dem Vorwand „Geschäftsgeheimnis“ verweigert.
Sie werden
älter, sie werden gefährlicher
Im zweiten Teil
der Tagung schilderte der Physiker Neumann, der auch in Ausschüssen
der Reaktorsicherheitskommission mitgearbeitet hat, dass die heute
noch laufenden alten Atomkraftwerke auf Konzepten der 1960er Jahre
basieren. Damals hat man beispielsweise versucht, die Anlagen gegen
den Absturz von Starfightern zu wappnen. Die Bedrohung durch den Absturz
heute im Verkehr befindlicher Flugzeugtypen wie auch durch Terrorangriffe
rühre aus erheblich größeren „Kalibern“. Diesen seien fast alle deutschen
Kernkraftwerke nicht gewachsen. Auffällig sei auch, dass in den alten
deutschen Atomkraftwerken bei den erst im abgeschalteten Zustand möglichen
Untersuchungen immer wieder Risse und Korrosion an unerwarteten Stellen
in den Rohren und Armaturen gefunden würden. Selbst die mit der Zeit
nachlassende Isolationswirkung von Kabeln bereite Sorgen. Diese habe
bisher schon zu mehreren Bränden ausgelöst durch Kurzschlüsse in den
AKW geführt. Da in Kernkraftwerken die Materialien sowohl wie in anderen
technischen Anlagen durch die Temperaturen und Drücke sowie deren
Veränderungen belastet würden aber zusätzlich noch der materialschwächenden
Neutronenstrahlung ausgesetzt seien, würden die Störungen in den alten
Anlagen zunehmen, wie die AKW in Biblis, Brunsbüttel und Krümmel drastisch
gezeigt hätten.
Veranstalter
der Tagung war die Bürgerinitiative FORUM Gemeinsam gegen das Zwischenlager
und für eine verantwortbare Energiepolitik e.V., die Ärzteorganisation
IPPNW, der Bund Naturschutz und die Petra Kelly Stiftung.