Medienerklärung des Verein FORUM vom 25.11.08


Süddeutsche Fachtagung in Augsburg

Atomkraftwerke und die Folgen

Welchen Anteil an der Krebsentstehung hat die radioaktive Strahlung und sind die Ergebnisse der bundesweiten Kinderkrebsstudie plausibel? Dies diskutierten im ersten Teil der süddeutschen Fachtagung „Atomkraftwerke und die Folgen“ Umweltschützer und Ärzte.

Der Ulmer Facharzt für Allgemeinmedizin Reinhold Thiel stellte die Ergebnisse der Kinderkrebsstudie vor. Diese im Auftrag der Bundesregierung gemachte Untersuchung hat die Hauptfragestellung: Verursachen radioaktive Emissionen aus den deutschen Kernkraftwerken eine Zunahme von Krebserkrankungen bei Kleinkindern? Da man praktisch nicht messen kann, mit wie viel Strahlung ein Mensch in der Vergangenheit belastet wurde, einigten sich die Experten darauf, die Entfernung zwischen den Wohnorten der Kleinkinder und den Kernkraftwerken als Ersatzgröße für die Strahlenbelastung zu ermitteln. Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung: Je näher ein Kleinkind an einem Kernkraftwerk wohnt, desto größer ist die Gefahr, dass es an Krebs, speziell an Leukämie erkrankt. Die meisten Formen der Leukämie gelten aber gerade als strahleninduziert. Die Kernkraftwerke und ihre Wissenschaftler sagen jedoch, dass die radioaktiven Emissionen ihrer Atomanlagen weit unter den Grenzwerten lägen und insofern nicht die Ursache der überhöhten Zahl von Krebserkrankungen in der Nachbarschaft der Kernkraftwerke sein könnten.

Hier setzte der Vortrag des Münchner Mediziners und Professors für Strahlenbiologie Edmund Lengfelder ein: Es ist schärfsten zu rügen, dass die Grenzwerte nicht vorrangig dem Gesundheitsschutz dienen und dass sogar Wissenschaftler zu Fälschungen bereit waren, um die Folgen der Kernkraftwerke zu verschleiern. Neben Pestiziden und Benzol verursache auch die Strahlung viele Krebskrankheiten. Als Strahlung schädigt uns sowohl die aus dem Weltall kommende Höhenstrahlung, wie auch die aus der Erde kommende terrestrische Strahlung. Beide verursachten zweifelsohne Tumore. Hinzu käme aber auch in beträchtlichem Maße die aus technischen Anlagen rührende Strahlung. Zu viel Röntgen sowie die radioaktiven Gase und Abwässer aus den Kernkraftwerken seien in Deutschland für jährlich hunderte von Krebserkrankungen verantwortlich. Heftig kritisierte Professor Lengfelder anhand von Zitaten der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP), dass bei der Festlegung von Grenzwerten für die Atomanlagen sowohl die Gefahr von Krebserkrankungen vernachlässigt wird als auch dem geschäftlichen Interesse der Anlagenbetreiber ein skandalös hohes Gewicht zugebilligt würde. Die Hintergründe der Festlegung der Grenzwerte für die Strahlenbelastung durch die Atomanlagen waren den meisten Tagungsbesuchern neu und lösten heftige Reaktionen aus.

Der Berliner Physiker Wolfgang Neumann stellte dar, dass die radioaktiven Emissionen von den Betreibern der Kernkraftwerke selber gemessen werden. Der Staat kontrolliere lediglich. Veröffentlicht würden nur zusammengefasste Werte. Einblick in Einzelmessungen und Messprotokolle würden unter dem Vorwand „Geschäftsgeheimnis“ verweigert.

Sie werden älter, sie werden gefährlicher

Im zweiten Teil der Tagung schilderte der Physiker Neumann, der auch in Ausschüssen der Reaktorsicherheitskommission mitgearbeitet hat, dass die heute noch laufenden alten Atomkraftwerke auf Konzepten der 1960er Jahre basieren. Damals hat man beispielsweise versucht, die Anlagen gegen den Absturz von Starfightern zu wappnen. Die Bedrohung durch den Absturz heute im Verkehr befindlicher Flugzeugtypen wie auch durch Terrorangriffe rühre aus erheblich größeren „Kalibern“. Diesen seien fast alle deutschen Kernkraftwerke nicht gewachsen. Auffällig sei auch, dass in den alten deutschen Atomkraftwerken bei den erst im abgeschalteten Zustand möglichen Untersuchungen immer wieder Risse und Korrosion an unerwarteten Stellen in den Rohren und Armaturen gefunden würden. Selbst die mit der Zeit nachlassende Isolationswirkung von Kabeln bereite Sorgen. Diese habe bisher schon zu mehreren Bränden ausgelöst durch Kurzschlüsse in den AKW geführt. Da in Kernkraftwerken die Materialien sowohl wie in anderen technischen Anlagen durch die Temperaturen und Drücke sowie deren Veränderungen belastet würden aber zusätzlich noch der materialschwächenden Neutronenstrahlung ausgesetzt seien, würden die Störungen in den alten Anlagen zunehmen, wie die AKW in Biblis, Brunsbüttel und Krümmel drastisch gezeigt hätten.

Veranstalter der Tagung war die Bürgerinitiative FORUM Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik e.V., die Ärzteorganisation IPPNW, der Bund Naturschutz und die Petra Kelly Stiftung.


Raimund Kamm - Vorstand

Das FORUM drückt mit seinem langen Vereinsnamen aus, daß wir sowohl gegen die gefährliche Atommüll-Lagerung wie –Erzeugung kämpfen als auch für eine Verantwortbare Energiepolitik eintreten.

Hier verfolgt das FORUM die 3xE-Strategie: 1. Energie sparen 2. Energieeffizienz radikal steigern 3. Erneuerbare Energien so ausbauen, dass sie uns in etwa 30 Jahren zu 100 Prozent versorgen! Wind, Solar, Biomasse, Geothermie, ....

Im März 2000 bildete sich beim Bekanntwerden der Gundremminger Zwischenlagerpläne das FORUM, im März 2002 formierte es sich als eingetragener und gemeinnütziger Verein und Mitte des Jahres 2008 ist es mit rund 750 Mitgliedern, darunter sechs Kommunen in Württemberg und Bayern, sogar die größte Energie-BI Süddeutschlands.

Jetzt warten wir auf den Beschluß des Bundesverfassungsgerichts über unsere im September 2006 eingereichte Verfassungsbeschwerde. Wir beklagen, daß die neue Atommüll-Lagerung in Gundremmingen mangels ausreichendem Schutz gerade vor Terroranschlägen gegen unsere in der Verfassung verbrieften Rechte auf Gesundheit und Leben verstößt und mangels Endlager den im Artikel 20a uns auferlegten Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verletzt.