Medienerklärung des Verein FORUM vom 14.12.07

Krebserkrankungen um das AKW Gundremmingen - Fakten im Auge behalten

Je näher Kinder an Atomkraftwerken wohnen, desto höher ist ihr Risiko, an Krebs zu erkranken. Im Umkreis bis 5 km Entfernung um die deutschen Atomkraftwerke war im Untersuchungszeitraum von 1980 bis 2003 das Risiko für unter 5-jährige Kinder an Krebs zu erkranken 60 % und an Leukämie („Blutkrebs“) zu erkranken gar 120 % höher als im Landesdurchschnitt. Gott sei Dank erkranken insgesamt relativ wenige Kinder an Krebs. Aber nach Aussagen des externen Expertengremiums muß man im Umkreis bis 50 km Entfernung um die deutschen AKW von 1980 bis 2003 von mindestens 121 bis 275 durch die Atomkraftwerke verursachte zusätzliche Krebserkrankungen ausgehen.

Hinter diesen Feststellungen der Experten steht großes persönliches Leid der Betroffenen. Bei der notwendigen politischen Diskussion sind vier Punkte bemerkenswert:

  1. Jahrzehntelang wurde in der Region um das AKW Gundremmingen debattiert, ob dort mehr Menschen an Krebs erkranken. In Gundremmingen läuft Deutschlands größtes Atomkraftwerk und dieses besteht aus den zwei Siedewasserreaktoren B und C, die bauartbedingt zu hohen radioaktiven Emissionen über den Kamin führen. In manchen Jahren steht so das AKW Gundremmingen an der Spitze der Radioaktivitätsemittenten Deutschlands. Und die Gegend ist vorbelastet durch den im Januar 1977 durch einen Unfall mit Totalschaden still gelegten Block A. Die Studie wurde nach langem Druck speziell der Ulmer Ärzteinitiative und deren Dachorganisation IPPNW im Jahr 2001 durch das Bundesamt für Strahlenschutz in Auftrag gegeben. Pikanterweise wurde mit der Durchführung das Deutsche Kinderkrebsregister (DKKR) bei der Universität Mainz beauftragt. Die dortigen Wissenschaftler hatten in den 1990er Jahren in zwei Studien festgestellt, dass es keinen epidemiologischen, also statistischen Zusammenhang zwischen der Zahl der Kinderkrebserkrankungen und den deutschen AKW-Standorten gebe. Mit der jetzt unter Beobachtung externer Experten angefertigten Studie müssen die Mainzer sich korrigieren. Entsprechend gewunden klingen manche Äußerungen der verantwortlichen Professorin Maria Blettner.
  2. Im Umfeld mancher Atomkraftwerke wird die Untersuchung der Kinderkrebserkrankungen behindert. Frühere finanzielle Zuwendungen und mentale Blockaden behindern die medizinische Aufklärung. Sogar die Wissenschaftler des Kinderkrebsregisters schreiben: „dass sich Gemeinden in der Nähe von Kernkraftwerken bei der Bereitstellung von Kontrolladressen weniger kooperativ zeigten als weiter entfernt gelegene“. Und: „In der inneren 5km-Zone war die Teilnahmebereitschaft deutlich niedriger, … . Wir interpretieren das dahingehend, dass den Familien, die in unmittelbarer Umgebung eines Kernkraftwerks wohnen, dieser Umstand sehr wohl bewusst ist, und sie daher bei Befragungen eher zurückhaltend sind.“ (aus der Zusammenfassung des DKKR, Seiten I und III). Man muss daran erinnern, dass wie wohl alle deutschen Atomkraftwerke auch das AKW Gundremmingen systematisch Vereine, Schulen, Kirchen, Kindergärten usw. mit Spenden um 1.000 Euro bedenkt, und „düngt“. Dies ist angesichts steuerfrei angesammelter Milliarden (RWE als Haupteigentümer des AKW Gundremmingen macht täglich über 13 Millionen Euro Gewinn!) nicht einmal großzügig, sondern nur berechnend. Besonders schamlos, dass das AKW Gundremmingen sogar versucht hat, das Wohlverhalten der Elternvereinigung krebskranker Kinder mit solch einer Tausend Euro Spende zu gewinnen. Aus dem 1991-Geschäftsbericht des Deutschen Atomforums e.V., der Propagandaorganisation der Atomindustrie, geht übrigens hervor, dass damals dort sogar der Landkreis Günzburg Mitglied war. Ob heute noch, wissen wir nicht.
  3. Die jetzt vorgestellte Studie hat mit dem größten bisher weltweit betriebenen wissenschaftlichen Aufwand die gesundheitlichen Gefahren im Umkreis bis 50 km Entfernung untersucht. Ihr Ergebnis weist zudem in die gleiche Richtung wie die im Sommer 07 im „European Journal of Cancer Care“ veröffentlichte Metaanalyse von Professor Peter Baker et al von der Medizinischen Fakultät der Universität South Carolina. Diese Wissenschaftler haben „die Ergebnisse von 17 internationalen Studien aus den Jahren 1984 bis 1999 ausgewertet. Dabei wurde die Umgebung von 136 Kernkraftwerken in Deutschland, den USA, Kanada, Großbritannien, Japan, Frankreich und Spanien untersucht. Ihr Fazit: Je nach Entfernung vom Atommeiler ist das Risiko für Leukämieerkrankungen in der Altersgruppe bis neun Jahre um bis zu 21 Prozent gegenüber der Normalbevölkerung erhöht; je näher am AKW, desto größer die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung. Auch die Sterberate ist nach dieser Untersuchung signifikant höher.“ (Rheinischer Merkur 2.8.07)
  4. Radioaktive Strahlung die Ursache? All diese Studien zeigen, dass die Atomkraftwerke die Ursache der überdurchschnittlich vielen Krebserkrankungen sind! Sie zeigen nicht, dass es die radioaktive Strahlung ist. Theoretisch könnte auch noch etwas anderes Krankmachendes von den AKW abgegeben werden. Am Tag genau 45 Jahre nach Genehmigung von Deutschlands erstem Atomkraftwerk (der Gundremminger Block A wurde am 14. Dezember 1962 genehmigt) fordern wir, dass die AKW-Betreiber endlich erklären, wie sie die steigenden Zahlen von Krebserkrankungen verursachen. Warum schweigt sich das AKW Gundremmingen über den Kamin des AKWs aus und behauptet faktenwidrig, das AKW sei ein geschlossenes System? Tut die Aufsichtsbehörde, das Bayerische Umweltministerium alles, um die Abgabe der radioaktiven Emissionen korrekt zu kontrollieren oder verlässt man sich in manchen Bereichen einfach auf die Angaben der Verursacher?
Internet zum Thema Kinderkrebs um Atomkraftwerke

Raimund Kamm - Vorstand

Das FORUM drückt mit seinem langen Vereinsnamen aus, daß wir sowohl gegen die gefährliche Atommüll-Lagerung wie –Erzeugung kämpfen als auch für eine Verantwortbare Energiepolitik eintreten.

Hier verfolgt das FORUM die 3xE-Strategie: 1. Energie sparen 2. Energieeffizienz radikal steigern 3. Erneuerbare Energien so ausbauen, dass sie uns in etwa 30 Jahren zu 100 Prozent versorgen! Wind, Solar, Biomasse, Geothermie, ....

Im März 2000 bildete sich beim Bekanntwerden der Gundremminger Zwischenlagerpläne das FORUM, im März 2002 formierte es sich als eingetragener und gemeinnütziger Verein und im Herbst 07 ist es mit rund 720 Mitgliedern, darunter sechs Kommunen in Württemberg und Bayern, sogar die größte Anti-Atom-BI Süddeutschlands.

Jetzt warten wir auf den Beschluß des Bundesverfassungsgerichts über unsere Verfassungsbeschwerde. Wir beklagen, daß die neue Atommüll-Lagerung in Gundremmingen mangels ausreichendem Schutz gerade vor Terroranschlägen gegen unsere in der Verfassung verbrieften Rechte auf Gesundheit und Leben verstößt und mangels Endlager den im Artikel 20a uns auferlegten Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verletzt.