Medienerklärung des Verein FORUM vom 30.12.07

Gefährliche Gundremminger Leistungserhöhung stoppen

- Größter Ausbau der Atomenergie in Deutschland seit fast 20 Jahren soll nach dem Willen von RWE, EON und Bayerischer Staatsregierung doch erfolgen -

Durch die von Deutschlands größtem Kernkraftwerk, dem AKW Gundremmingen, beantragte Leistungserhöhung beider Reaktoren wächst die Wahrschein­lichkeit von Brennelementschäden und erhöhten radioaktiven Emissionen, sinken die Sicherheitsreserven und verlängert sich die Dauer der erforderlichen Zwischenlagerung. Aus allen drei Gründen muß zum Schutz von Gesundheit und Umwelt die beantragte Leistungserhöhung abgelehnt werden!

Das bisherige Genehmigungsverfahren verlief besorgniserregend undurchsichtig: Ende der 1990er Jahre wurde mehrere Jahre mit den Behörden heimlich eine Leistungserhöhung der Gundremminger Reaktoren diskutiert. Auch bei den jährlichen Kraftwerksgesprächen ist dies dem Vernehmen nach den Landräten, Parlamentariern, Bürgermeistern usw. nicht mitgeteilt worden. Sogar der Genehmigungsantrag im September 1999 wurde den Bürgerinnen und Bürgern verheimlicht. Erst die Bürgerinitiative informierte die Menschen. Daraufhin verkündeten der das AKW führende Stromkonzern RWE sowie das Bayerische Umweltministerium als Genehmigungsbehörde, man wolle die Öffentlichkeit beim Genehmigungsverfahren nicht beteiligen, da dies vom Atomgesetz nicht zwingend vorgeschrieben sei, wenn keine nachteiligen Auswirkungen auf die Menschen und die Umwelt zu befürchten seien. Die Genehmigung sei eigentlich ein Routinevorgang, mit dessen Abschluss in etwa eineinhalb Jahren zu rechnen sei.

Das wäre Frühjahr 2001 gewesen.

Im Laufe der Zeit wurde der Genehmigungsantrag wieder zurückgezogen, ein neuer eingereicht und einige Jahre ruhte das Verfahren. So wurde offensichtlich: Die erforderlichen Sicherheitsnachweise konnten nicht erbracht werden. Aber weder RWE noch die Genehmigungsbehörde informierten die Öffentlichkeit darüber, welche Sicherheitsfragen denn jahrelang nicht beantwortet werden konnten. Das Versprechen „gläserne Kraftwerk“ wurde von RWE somit erneut gebrochen. Und das Bayerische Umweltministerium glaubte offenbar, die kritischen Nachfragen der Bürgerinitiative aussitzen zu können. Den einstimmig gefassten Beschluss des Dillinger Kreistags, dass die Leistungserhöhung wegen der ungeklärten Häufung von Krebserkrankungen sowie der ungelösten Atommüllprobleme unterbleiben solle, hielt man für bedeutungslos und ignorierbar.

Wie wird die Leistungserhöhung gemacht?

Die Brennstäbe (in den zwei Gundremminger Reaktoren besteht ein Brennelement aus 10 x 10 und somit 100 Brennstäben) werden mit mehr Spaltstoff versehen und „man gibt mehr Gas“. Die Reaktoren werden also durch schneller Laufenlassen der Umwälzpumpe und leichtes Herausziehen der Steuerstäbe so geregelt, dass mehr Atome des Spaltstoffes gespalten werden. So wird mehr Wärme freigesetzt und mehr Dampf produziert. Dies belastet aber die Hüllrohre der Brennstäbe sowohl durch höhere Temperaturen als auch durch die stärkere Neutronenstrahlung. Noch mehr Risse sind zu befürchten. Daraus entweichen dann radioaktive Gase und eventuell sogar extrem strahlende Partikel in den Wasserkreislauf. Dort versucht man diese auch den Betrieb störende Radioaktivität wieder aufzufangen und dann „kontrolliert“ und gefiltert über den Kamin in die Luft abzulassen.

Sicherheitsreserven werden kleiner

Das schärfere Fahren der Reaktoren verringert aber auch die Sicherheitsreserven des AKW. Es ist wie bei einem Auto, wenn der Motor frisiert wird, aber Getriebe und insbesondere Bremsen nicht angepasst werden. Im Jahr 2007 kam sogar der Verdacht auf, dass die Leistungserhöhungen mittels eigentlich als unproblematisch angesehenen Turbinenoptimierungen mehrere schwere Ausfälle von Generatoren und Transformatoren in Deutschland verursacht haben. So hatte das AKW Krümmel wenige Monate nach einer Leistungserhöhung im Juni 2007 den Unfall mit Totalschaden des Transformators. Das AKW ist seitdem abgeschaltet.

Atommüll wird noch problemträchtiger

Die höhere Spaltstoffanreicherung, also mehr Uran 235, und der damit von vier auf sechs bis sogar sieben Jahre verlängerte Einsatz der Brennelemente im Reaktor spart zwar Brenn­stoffmasse, verringert jedoch nicht die im Reaktor entstehende Radioaktivität. Im Gegenteil: Es werden mehr Transurane erzeugt, die noch stärker und länger strahlen. So entsteht der „Sachzwang“, die Zwischenlagerung sogar über die bisher genehmigten 40 Jahre hinaus zu verlängern.

Da also die Leistungserhöhung voraussichtlich zu höheren Radioaktivitätsabgaben führen wird (die Abgabegrenzen brauchen nicht neu genehmigt zu werden, weil sie so „großzügig“ bemessen wurden, dass sie auch noch diese zusätzlichen radioaktiven Emissionen zulassen), die Sicherheitsreserven des AKW kleiner und die Wahrscheinlichkeit eines Großunfalls größer werden, und sogar die bisher ungelöste Beseitigung des Atommülls noch schwerer lösbar wird, darf diese Leistungserhöhung nicht genehmigt werden! Die Steigerung der elektrischen Nennleistung um 112 Megawatt wäre zudem der größte Ausbau der Atomenergie in Deutschland seit fast 20 Jahren.

Raimund Kamm - Vorstand

Das FORUM drückt mit seinem langen Vereinsnamen aus, daß wir sowohl gegen die gefährliche Atommüll-Lagerung wie –Erzeugung kämpfen als auch für eine Verantwortbare Energiepolitik eintreten.

Hier verfolgt das FORUM die 3xE-Strategie: 1. Energie sparen 2. Energieeffizienz radikal steigern 3. Erneuerbare Energien so ausbauen, dass sie uns in etwa 30 Jahren zu 100 Prozent versorgen! Wind, Solar, Biomasse, Geothermie, ....

Im März 2000 bildete sich beim Bekanntwerden der Gundremminger Zwischenlagerpläne das FORUM, im März 2002 formierte es sich als eingetragener und gemeinnütziger Verein und im Herbst 07 ist es mit rund 720 Mitgliedern, darunter sechs Kommunen in Württemberg und Bayern, sogar die größte Anti-Atom-BI Süddeutschlands.

Jetzt warten wir auf den Beschluß des Bundesverfassungsgerichts über unsere Verfassungsbeschwerde. Wir beklagen, daß die neue Atommüll-Lagerung in Gundremmingen mangels ausreichendem Schutz gerade vor Terroranschlägen gegen unsere in der Verfassung verbrieften Rechte auf Gesundheit und Leben verstößt und mangels Endlager den im Artikel 20a uns auferlegten Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verletzt.